Geduld

Nun sind schon bald 6 Wochen vergangen, seit ich von der fliegenden Farah abgesprungen bin. Die Heilung geht langsam voran, und ich verzweifle fast bei dem Gedanken, wann ich wohl wieder etwas mit Farah arbeiten oder sogar reiten darf. Es geht mir alles viel zu langsam! Wenigstens bin ich wieder in der Lage, mit dem 10-Fingersystem zu tippen.

Wenn ich beim Stall bin und Farah mich hört, kommt sie immer schauen und grüssen. Das macht mir grosse Freude! Und ich muss mich wohl noch eine Weile damit begnügen, sie einfach zu streicheln – immerhin lässt sie das mittlerweile ganz unaufgeregt zu – und zu fotografieren.

Heute hat sie so schön in der Sonne gedöst, dass ich sie gar nicht gross stören wollte. An ihrem Ohr sehe ich, wie sie mich fragt, ob ich etwas von ihr will 😉

Im Reitunterricht mit Jana macht Farah grosse Fortschritte. Sie hat mittlerweile gemerkt, dass sie nicht immer grad voll losrennen muss, wenn sie geritten wird, sondern dass sie auch lediglich Schritt gehen oder traben darf. Jana kann sie schon ganz gut bremsen und hat mit ihr Schritt-Trab-Schritt-Wechsel geübt, so dass es dann bei mir auch klappen sollte.

Abenteuer mit Folgen

Am 10. Januar kommt ein grosser Moment für uns: Daniela und Ailen begleiten Susanne (auf Farah) und mich (auf Serenata) zum ersten Mal auf den gemeinsamen Ausritt. Unsere Pferdchen machen es gut! Im Schritt geht es durch den verschneiten Wald und unter Kontrolle auch im Trab den Hügel hinauf. Mit Serenata darf ich nochmals zurückreiten und zum ersten Mal draussen allein den Hügel hinauf aus dem Trab den Galopp anziehen. Serenata geniesst die Winterwelt und galoppiert problemlos an. Oben steht Daniela, um im Notfall mein Pferd zu bremsen 😀. Zum Glück nicht nötig, alles bleibt ruhig und locker. Dieses gute Erlebnis macht uns (zu) mutig: am 20. Januar satteln wir unsere Pferde und machen uns zu zweit auf den Weg. Dieselbe Strecke, es läuft gut! Den Hügel hinan im Trab gut. Serenata vorne bremst Farah ab, wenn sie „zuviel will“. Im Wald sind die Wege recht eisig, man muss die Pferde gut lenken. Farah ist unruhig. Susanne muss nachgurten, ich steige ab, weil Farah zappelt. Danach geht es besser. Aber ausgangs Wald hat Susanne ein ungutes Gefühl, zu Recht, wie sich weist. Leider merke ich nicht, wie gefährlich die Situation wirklich ist, denn Serenata ist die Ruhe selbst. Ich schlage auf dem Strässchen einen Trab bergauf vor. Susanne stimmt zu und ich trabe an. Jetzt eskaliert die Sache: Farah drängt nach vorn, Susanne ruft mir zu, Serenata querzustellen, was ich versuche. Da drängt Farah mächtig durch. Susanne sieht sich schon auf der Asphaltstrasse unkontrolliert davonjagen und zieht die Notbremse, lässt sich fallen. Farah jagt im Galopp davon, Serenata mit mir im Sattel lässt sich nicht lumpen und nimmt die Verfolgung auf. Alle Versuche, mit Zügel und Zurufen die Pferde zum Stehen zu bringen, scheitern kläglich. Zwei friedliche Spaziergänger warne ich mit lautem Schrei: „ds Ross isch dürebrönnt“. Der Höllenritt geht Richtung Stall. Um eine 90Grad-Kurve kommen wir unbeschadet. Aber wie soll das bei „unserer Kreuzung“ im Dorf nur gutgehen? Es hat dort Autos, Traktoren, Pferde und es ist unübersichtlich!!

Wie ein Engel vom Himmel steht aber mitten auf der Strasse Ailen und breitet die Arme aus. Sie hat den Galopp gehört, sofort geschaltet, dass Farah ohne Susanne durchgegangen ist, und ist blitzartig vom Tenn auf die Strasse gerannt. Farah lässt sich bremsen, Serenata ebenfalls, ouf. So habe ich mir das Galopplernen nicht vorgestellt. Immerhin haben sich die guten Tipps, Beine tief, Aussenschulter in der Kurve zurück, das Pferd laufen lassen, wenn ich es nicht bremsen kann, bewährt 🙂. Die Sorge gilt jetzt aber Susanne. Daniela ist schon mit dem Auto zur Stelle, wir fahren zurück. Das Auto vom Berner Tierschutz kommt uns entgegen. Eine Dame, der wir heute zweimal begegnet sind, hat Susanne gleich gesehen und eingeladen. Der Arm schmerzt und wir befürchten etwas Schlimmes. In der Permanence bewahrheiten sich die Befürchtungen. Die Speiche ist gebrochen! Der Arm wird am Folgetag operiert. 6 Wochen muss Susanne Geduld üben. Immerhin sind beide Pferde wohlauf und sind wir vor noch Schlimmerem bewahrt worden. Und das Beste: Susanne freut sich schon auf den ersten Ritt nach der Genesung.

Und Serenata geniesst die Ruhe nach dem Sturm auf ihre Weise….

Elektrifiziert

Die Herde Marokkanerinnen scheint vom Schnee elektrifiziert zu sein. Farah und ihre temperamentvollen Kolleginnen Elhiafa, Flifla, Zahrat, Gribouille sausen hintereinander her über die Schneeweide und verwerfen Kopf, Hinterteil, alle Viere um die Wette. Nur Gribouille kennt Schnee, die anderen vier sind im August in die Schweiz gelangt, als es noch überaus heiss war.

Wir haben heute auf dem Auslauf/Reitplatz weiter mit Farah geübt, zuerst habe ich sie longiert und immer kleinere Volten verlangt, dann vorsichtig etwas Trab, damit sich Farah an den etwas rutschigen Untergrund gewöhnen kann. Sie schien zuerst wieder recht geladen zu sein, verwarf den Kopf und ging beim Trab richtig los, führte aber brav aus, was ich von ihr verlangte. Dafür durfte sie einen Moment ganz frei auf dem Platz umherrennen. Das machte ohne die Freundinnen allerdings weniger Freude.

Ich sattelte sie und wir ritten hinter Georg mit Serenata her, in Schlangenlinien und in Volten um die Pylonen. Es ging sehr gut. Farah lernt schnell, sie will vor allem bei Serenata bleiben. Zuerst ging Ailen noch mit, dann blieb sie in der Mitte des Platzes stehen – und auch Georg und Serenata blieben mittendrin stehen. Farah hörte gut auf mich und wir ritten um Mensch und Pferd herum. Sie hat meine Anleitungen begriffen und abgeschleckt. Ein schönes Gefühl.

Danach durfte sie mit den Marokkis wieder übers Feld rasen 🙂

Sattel für Farah

Angelika Winzeler, pferdegerechte Sättel, hat heute den Weg vom Simmental nach Matzenried unter die Räder genommen und uns mit ihrem Sattelmobil beglückt. Sie vertritt unter anderen die Firma Sommer mit Sommer-Sätteln und Iberosattel. Für Serenata hatten wir ja schon Iberosattel gewählt, weil sie Ibererin ist, natürlich, aber weil uns der Sattel optisch an diejenigen in Spanien erinnert haben, nur pferdegerecht ausgestaltet sind.

Im Sortiment der Sommer-Sattel gibt es das Modell „Marrakech“, und dazu las ich, dass es sich eigne für Pferde mit kürzeren Rücken, also evtl. für Farah – und da Farah aus Marokko kommt, passt das ja optimal 🙂 Angelika hat sich alle Zeit genommen, Farah genau auszumessen und dann das Modell Marrakech an sie anzupassen. Es brauchte sogar den extrakurzen Sattel, damit die Schulterfreiheit gewährleistet ist und trotzdem der Sattel vor dem Kreuz aufhört. Für sie und mich einfach perfekt.

Und wie wir schon bei Serenata sagten: Wenn der Sattel das Attribut „praktisch“ erfüllt, dann bitte auch noch „schön“!

Ich bin froh, dass ich mit Farah mit einem guten und passenden Sattel das Reitprogramm starten kann und die vielen Versuchsdurchgänge mit anderem Material nicht sein müssen. Passt der Sattel nicht mehr, rufe ich die Sattlerin Angelika, und sie passt ihn vor Ort wieder an.

Neue alte Erfahrungen

Nun muss auch Farah durch die erfahrenen Hände der Osteopathin. Eigentlich nicht verwunderlich, wenn ich sehe, wie die Pferde jeweils auf die Weide losstürmen, kaum gehen die Zäune auf, galoppieren und Bocksprünge vollführen und manchmal miteinander kollidieren. So kommt es, dass auch Farah sich im Iliosakralgelenk blockiert hat und mit dem einen Hinterbein nun auftritt wie ein Storch.

Ob sie schon einmal auf diese Weise behandelt worden ist? Als ihr die Chiro an den Kopf will, wirft sie ihn wild auf, sie mag es überhaupt nicht, wenn ihr jemand um die Ohren herum Hand anlegt. Die Beugeübung mit dem Goody hingegen findet sie nicht ganz schlimm. Sie verfolgt dann aufmerksam, wie die Hände langsam den Rücken entlang wandern, auf Höhe Iliosakralgelenk hebt sie schon mal drohend ein Bein. Wir sind deshalb zu dritt dran. Eine behandelt, eine hält fest und eine hält den Fressnapf vor die Nase. Die beste Ablenkung, die Farah sich wünschen kann 🙂

Wir werden nun Vor- und Rückhandwendungen üben, wenn möglich jeden Tag, so dass Farah wieder ihre Beine unabhängig voneinander in Schwung bringt. Sie wird schon bald wieder ganz pferdelike schreiten können.

Gelassenheit

Heute war der Boden auf dem Reitplatz zumeist steinhart. Meine Reitstunde mit Daniela fraglich! Sie entscheidet auf Schrittreiten, Genauigkeit und Test Gelassenheit. Los geht’s mit Einreiten und Volten auch durch die Teile auf dem Platz mit Wasserlachen. Serenata macht gut mit, überwindet ihre Furcht vor den Pfützen und marschiert tapfer ihre Volten. Nach Slalomübungen über den Platz kommt das Dessert: über eine grosse Plastikblache gehen. Serenata nähert sich dem unbekannten Grund, streckt ihren Hals tief, um zu schnüffeln. Diese Zeit gebe ich ihr. Dann die feine Aufforderung, einen Schritt auf die Blache zu machen. Das ist für das Pferd schwierig; es könnte rutschig oder tief sein. Es ist also eine Frage des Vertrauens. Kann sich Serenata auf mich verlassen? JA! Sie macht problemlos mit. Wieder eine Pause und nochmals die Aufforderung. Sie geht über den „unsicheren“ Boden als wäre es Sand! Wir wiederholen die Übung. Es klappt prima. Schliesslich üben wir von der Gegenseite. Das ist bekanntlich für das Pferd eine völlig andere Übung. Nach kurzer Prüfung mit der Nase meistert Serenata auch diese Herausforderung mit Bravour. Wer von uns, inklusive Daniela, am meisten Freude hat, ist schwierig zu sagen 😊

Une marocaine dans la neige

Es ist kalt geworden und in Matzenried liegt Schnee. Es muss für Farah ziemlich eigenartig sein, dass das helle Zeugs unter ihren Füssen nicht Sand, sondern kalte und feuchte Masse ist. Es scheint ihr aber wenig auszumachen – im Gegensatz zu mir, die mich jedes Jahr wieder schwer tue mit den kalten, finsteren Tagen.

Walderkundung

Gestern war es trüb und der Schnee lag schwer auf Ästen und Wegen. Wir hatten trotzdem das Bedürfnis, mit Serenata und Farah einen Spaziergang zu unternehmen und machten unsere zwei Schönen bereit. Ich war noch nie mit Farah, in Begleitung von Georg mit Serenata, ohne weitere Stallhilfe unterwegs und war gespannt, wie sich das anfühlen würde.

Serenata war um die zwei Uhr nachmittags jeweils schon etwas hungrig und kaum waren wir an der Strasse oben, zerrte sie meinen Mann an die Böschung, um zu grasen. Dumm nur, dass gerade der Führstrick riss, so heftig war ihre Bewegung. Georg schaffte es, einen Knoten zu binden, und so konnte es los gehen. Farah schaute sich neugierig um, scannte das weite Feld auf der einen Strassenseite und beschnupperte mal einen Busch, einen Pfosten, einen Baumstrunk, machte aber einen sehr unaufgeregten Eindruck.

Während Serenata immer wieder Futter suchte und Georg sie davon abhielt, verhielt sich Farah ruhig und ausgesprochen gelassen, obwohl sie Wald ja nicht kennt. Sogar ein furchteinflössendes Monster von einer Baumpflegemaschine, das unmittelbar neben dem Weg ein Wendemanöver machte und dabei einen kurzen Moment mehrere Scheinwerfer auf uns richtete, brachte sie nicht aus der Fassung.

Ich bin sehr beeindruckt, wie cool meine Schöne bleibt, und wie ruhig und entspannt sie neben mir her trottet. Das war eine sehr gute und schöne Erfahrung 🙂

Alles klar

Die Untersuchung der Tierärztin hat nun stattgefunden. Damit sind wir freudige Eigentümer von Farah – nicht mehr Fynda. Da Fynda unseren Recherchen gemäss nichts bedeutet und kein arabisches Wort ist, habe ich beschlossen, ihr einen arabischen Namen zu geben. Farah bedeutet Freude. Meine Freude ist sehr sehr gross, und es scheint, dass wir einen ganz guten Draht miteinander haben, Farah und ich. Jedenfalls freut sie sich schon, wenn ich zu ihr auf den Platz gehe und sie einlade, mit mir etwas zu machen 🙂

Die Tierärztin hat ihr Herz abgehört, ihre Zähne und Augen geprüft, ihre Reflexe getestet, ihre Gelenke abgegriffen und hat sie vorschreiten und -traben lassen. Ailen, die Angestellte auf dem Hof, hat Farah geführt, und so konnte ich alles mit anschauen und ging kein Risiko ein. Farah nahm nämlich nicht alles ganz so locker, z.B. an Hals und Kopf anfassen lässt sie sich nicht von jedem/jeder und allein auf den Hofplatz stellen findet sie noch nicht geheuer.

Sicher müssen demnächst ihre Zähne geschliffen werden und die Chiro muss am Iliosakralgelenk ihre Hände anlegen, aber im allgemeinen ist Farahs Zustand gut. Es ging ihr offenbar auch in Marokko nicht schlecht, sie musste keinen Wagen ziehen, sondern Rennen laufen 🙂 Hui, was für mich! Das heisst halt, dass sie die Reiterbefehle english style nicht kennt, weil sie zum Startplatz geführt wurde und auf Kommando ging’s einfach mit den andern los. Jetzt muss sie lernen, aufzupassen, was ich ihr befehle, am Boden und als Reiterin. Schön, dass ich jetzt ein Pferd ausbilden darf, ich freue mich sehr!

Breaking news

Was wäre das Leben ohne Überraschungen und was macht das Leben erst so richtig lebenswert? Genau. Es sind die Momente, in denen wir über unseren Schatten springen und die Freude überschäumt. Gerade jetzt erleben wir so einen Moment; habe ich doch geschrieben, dass sich Serenata immer besser mit mir versteht. Das ruft bei Susanne zwiespältige Gefühle hervor. Im Moment hat sie kein „eigenes“ Pferd mehr. Das hin und her von Pferd zu Pferd ist mühsam. Badia muss einen Monat lang aussetzen. Ein anderes Pferd steht nicht zur Verfügung. Nun, eigentlich wären da die 5 wunderschönen Marokkanerstuten, zwischen 4- und 6-jährig….. Daniela hat schon mehr als einmal angesprochen, ob wir nicht ein zweites Pferd möchten? Das Thema wird aktuell. Wir stecken die Köpfe zusammen und denken. Argumentieren. Legen alles auf den Tisch. So ein Entscheid darf nicht leichtfertig getroffen werden. Daniela gibt Susanne die Chance, einige Pferde kennenzulernen. Gribouille ist wohl zu jung, zu unerfahren, obwohl sehr zugewandt. Flifla, schön, elegant, ist schreckhaft. Elhiafa ist eine Schönheit, aber das wars auch schon. Fynda ist dagegen ruhig. Sie gleicht eher Serenata, nicht so verschmust wie Gribouille, eher selbständig. Daniela meint, dass Susanne und Fynda gut passen könnten. In der Bodenarbeit, die jetzt begonnen wird, darf Susanne mitmachen. Fynda zeigt sich von ihrer besten Seite! Als nächstes muss sie beweisen, dass sie eine Reiterin toleriert und mit Beinbefehlen zurecht kommen kann. Das ist nämlich für sie völlig neu. Auf dem ersten Waldspaziergang kommt Ailen, die coole Mitarbeiterin von Daniela mit. Sie reitet zu Beginn. Alles problemlos. Auch Susanne darf jetzt aufsteigen. Fynda macht gut mit. Der nächste Test: Reitstunde zusammen mit Serenata. Läuft wie geschmiert, die Beiden, die sich noch nicht kennen, sind entspannt. Es ist herrlich. Susanne ist bereit für den grossen Schritt. Fynda soll in unserer Familie ihren Platz haben!! Mit Daniela machen wir ab, dass sie das Pferd bis Ende Februar ausbildet. Susanne darf dabei mitmachen. Eine Chance für Beide. Nun folgt noch die Arztuntersuchung und damit ist alles klar für den Vertrag. Susanne ist glücklich. Die Lösung ist wirklich ideal. Wir werden uns natürlich einschränken müssen, aber das lohnt sich bestimmt.