Auf der Weide

Auf verschiedenen abgezäunten Feldern stehen oder grasen friedlich die Pferde von Arij el Fouad. Doch wo ist Serenata?

Ach ja, zuhinterst auf einem grossen Feld, noch für sie allein abgezäunt, damit sie ihre Kamerädli entspannt kennenlernen kann, habe ich sie entdeckt. Mit ihrer Decke gegen die Kälte, die sie jetzt noch braucht, solange das Fell nicht dicht genug ist. Auf der angrenzenden Weide steht die bildhübsche Farfallina und die Beiden beschnuppern sich ausgiebig. Das sieht ja gut aus, keine Spur von Nervosität oder Konkurrenz. Offenbar mögen sich die Beiden! Serenata reagiert auf meinen Ruf, aber kommt (noch) nicht zu mir. Sie bleibt bei Farfallina und versucht mit Mühe, aus dem Zuber zu trinken, auf welchem eine dicke Eisschicht schwimmt. Sie drückt die Eisplatte nach unten, um ans Wasser zu kommen. Dankbar nimmt sie meine Hilfe an, als ich das Eis nach unten drücke.

Nach Streicheln und Striegeln animiere ich Serenata, mir zu folgen, wie wir es in Spanien gemacht haben. Ist unsere Verbindung schon stabil genug, um sie von Farfallina zu lösen? Wie schön, dass sie kommt und mir folgt! Doch – zu früh gefreut. Das saftige Gras am Boden zieht magnetisch an. Mit viel Appetit widmet sie sich dem Grün. Gut so, Du musst fleissig futtern!

1. Untersuchung

Auch einer weniger feinen Nase kann der unangenehme Geruch nicht entgehen, der Serenatas Maul entströmt. Wahrscheinlich liegt es an den Zähnen oder einem Problem im Maul, dass sie nicht richtig gefressen hat. Vom Heu hat sie Röllchen gemacht, um es einzunehmen. Die Tierärztin schaut sich also mal das Gebiss und das Maul an und hört das Herz ab. Zur Untersuchung wird Serenata sediert, da sie niemanden an ihr Maul heran lässt.

Das Zahnfleisch ist an vielen Stellen entzündet, was ihr sicher Schmerzen bereitet. Die Veterinärin spült das Maul aus, und nimmt sich als erstes der Dentalhygiene an. Sie putzt die Zwischenräume der Schneidezähne und den Ansatz zum Zahnfleisch sorgfältig und spült Essensreste gründlich aus. Anschliessend schleift sie die Schneidezähne ab. Die Stallbetreiberin wird für Serenata einen Kräutersud kochen, mit dem die Pflegerinnen Serenatas Maul regelmässig spülen. Dazu nutzen sie eine überdimensionale Spritze.

Wichtig ist jetzt, dass Serenata fressen kann, bevor wir überhaupt schon ans Trainieren – geschweige denn ans Reiten – denken können.

Nach dem Abhören des Herzens schaut die Veterinärin ebenfalls eher ernst drein. Sie hört ein Geräusch, das auf Herzklappenfehler schliessen lässt.

Wir schauen beim Wegfahren unser Pferd an. Es ist ganz klar, sie ist jetzt in unserer Obhut und wir werden alles tun, damit es ihr besser geht. Wir haben sie beide sehr sehr gern und freuen uns ja so, dass sie bei uns ist. Aber was wird da wohl auf uns und unser Pferd zukommen?

Serenata ist da

Wir wissen, sie wird am Donnerstag eintreffen, nachdem der Transport zuerst zwei Mal verschoben werden musste, zuletzt wegen eines kleinen Motordefekts. Aber lieber vor als während des Transports, wir warten daher gern etwas länger auf sie.

Am Donnerstag wird es so weit sein – das ist aufregend, schön, ich bin ganz kribbelig. Hoffentlich geht alles gut, wird sie die lange Strecke von über 2000 km gut überstehen. Kurz nach halb drei trifft sie beim Stall ein, wir sind sogar etwas zu spät, um zuzusehen, wie sie aus dem Fahrzeug in ihre neue Umgebung tritt.

Bei unserem Eintreffen herrscht Aufregung. Ich sehe vier Menschen um ein weisses Pferd herumstehen, gestikulieren, diskutieren. Die Sicht auf das Pferd ist noch etwas verdeckt. Aber der Schreck ist gross: Ist das wirklich Serenata, DIE Serenata, die mein Mann vor einem Monat in Spanien noch gesehen, geritten, gestreichelt hat? Jede Rippe ist einzeln zu sehen, die Hüftschaufel steht so fest ab, dass man mit einer Hand darunter greifen kann. Ihrem Maul entweicht ein erschreckend schlimmer Geruch.

Wie ihr Gesundheitszustand ist, werden wir noch herausfinden. Schnell wird sie in die Decke gekleidet, die wir zum Glück dabei haben. Wenn sie jetzt nur nicht noch friert – wir wissen nicht, wie widerstandsfähig sie ist.

Der Aussenraum, in dem sie sich aufhalten kann, ist allseits abgesperrt, auf drei Seiten kann sie künftige Kamerädli sehen. Sie ist aufmerksam, ihre Ohren wandern unabhängig voneinander nach allen Seiten, sie schaut, wendet sich, und sie macht trotz allem einen recht ruhigen Eindruck, ihre Unterlippe hängt leicht. Zögernd nascht sie vom Heu, mehr begeistert nimmt sie den Sack mit Kraftfutter. Kann sie richtig essen?

Ich könnte weinen vor Freude, dass sie da ist, heulen vor Elend, wie sie aussieht –

Reitunfall

Wenige Tage aus den Reitferien zurück, schön in Übung, gut im Gefühl, stürze ich in der Reitstunde vom Pferd – 3 Beckenbrüche! Ich bin irritiert, entmutigt, ärgere mich über mich selbst, kann es nicht einordnen.

Mein Mann und ich sind uns einig, wir wollen nicht alles in Frage stellen. Zu samtig liefen die Kaufverhandlungen, die Suche nach dem geeigneten Stall, der Transport, zu sehr freuten wir uns auf unser neues „Familienmitglied“.

Ich aber brach in der Mitte auseinander, die ganze rechte Beckenseite, an drei Stellen gebrochen, war instabil. Ich mache mich auf mehrere Wochen Heilungsprozess gefasst. Aus den mehreren Wochen werden allerdings mehrere Monate. Noch jetzt, fast 4 Monate später, ist nicht sicher, dass alles gut verheilt und sich genügend feste Knochensubstanz bilden wird. Noch bin ich nicht auf der sicheren Seite.

Immerhin werde ich Serenata ohne Krücken, auf eigenen Beinen aufrecht stehend, begrüssen können. Am 17. Januar war es so weit…

Bis zur Ankunft

Was brauchen wir eigentlich alles für unser eigenes Pferd? Ein Halfter und Führstrick, Zaumzeug, Sattel, eine Decke, Putzsachen – was noch?

Wir informieren uns anhand von x Quellen, was es für Zaumzeug gibt. Und wir stellen mit zunehmender Recherche fest: Da gibt es unzählige Varianten, mit Gebiss/ohne Gebiss und alle diese Varianten sind mit ebenso unzähligen Philosophien verbunden, wie es dem Pferd dabei auch noch gut gehen kann. In Spanien sind wir mit Hackamore gebisslos geritten. Da sehe ich Menschen schon das Gesicht verziehen. Und höre die Frage, was die Versicherung wohl dazu sagt, wenn das Pferd ohne Gebiss geritten wird und einen Schaden verursacht. Kann ich das Pferd mit/ohne Gebiss besser kontrollieren? Kennt Serenata das überhaupt?

Auch zum Sattel haben wir viele Recherchen angestellt. Wie wollen wir überhaupt reiten? Was alles mit unserem Pferd unternehmen? Mein Mann und ich sind recht unterschiedlich gross und schwer, welche Rolle spielt das? Sicher ist, wenn wir auf einen Masssattel warten und für diesen erst der Rücken von Serenata ausgemessen werden muss, warten wir bis in den Sommer hinein auf einen Sattel.

Spazieren wir seither halt ein bisschen. Dazu brauchen wir sicher ein Halfter und einen Führstrick. Nicht ganz schwierig zu erraten, dass auch hier ganz viele Varianten zur Verfügung stehen und Kosten zwischen vielleicht Fr. 15.- und gut und gern dem Zehnfachen dafür anfallen können.

Bei seinem zweiten Spanienaufenthalt auf der Ranch wartet in Ronda eine schöne Überraschung auf meinen Mann. In einem Spezialgeschäft für Pferde-/Reitbedarf sieht er seinen Traumsattel. Eigentlich für jemanden speziell angefertigt, darf er ihn übernehmen, es bleibt noch genügend Zeit für den Besteller den gleichen wieder zu fertigen. Das macht Freude.

Unnötig zu erwähnen, dass es bei den Striegeln, Bürsten, Seifen, Ölen, Hufauskratzern und all diesen nötigen Hilfsmitteln zur Pflege wiederum viel Auswahl gibt und eben auch wieder philosophische Fragen zu klären gibt. Serenata ist ein Pferd, soll sie also gecremt, geölt, gekämmt und gepudert werden wie ein Kind? Was gehört in eine vernünftig bestückte Pflegebox?

Schliesslich die Decke. „Pferde werden überbedeckt“ ist die Aussage einer Angestellten in einem Fachgeschäft. Je wärmer wir es einpacken, desto weniger kann es ertragen. Ich neige natürlich zu gut Decken, da ich selber oft friere. Aber soll sie sich halt bewegen, meint eine andere, die es wissen muss. Serenata hat noch nie Schnee unter den Hufen gehabt. Wie das wohl für sie werden wird?

Stall? Ausrüstung?

Einen geeigneten Stall für unsere Serenata werden wir also finden müssen und dazu haben wir einige Überlegungen angestellt:

  • Boxenhaltung oder Gruppenhaltung
  • Lage / Ausreitgebiet
  • Betreuer/innen
  • Infrastruktur
  • Kosten

Zum Glück habe ich schon ein bisschen Erfahrungen gesammelt durch meine Reitschulerfahrung. Ich wünsche mir, dass Serenata so leben kann, wie sie es von Spanien her gewohnt ist, in einer Gruppe mit anderen Pferden und mit der Möglichkeit, selbstständig in einen Aussenbereich zu gehen. Einsam in der Box – das möchte ich ja selber nicht! Und das Pferd ist ein Herdentier. Wir werden ja sehen, ob sie das auch so sieht.

Ich habe meinen Wunschstall schon im Auge, als wir von Spanien heimkehren und mache meinen Mann – kaum aus den Ferien zurück – damit bekannt. Wir dürfen in Ruhe alles anschauen und lernen die Menschen kennen, die Serenata betreuen werden. Vertrauen ist ja essentiell, und wir sind überzeugt, dass das gut kommt.

Aber wie kommt sie überhaupt in die Schweiz? Wir merken, so einfach ist das nicht! Winter – Schnee – das kennt sie nicht – doch lieber erst im Frühling? Aber Achtung: es gibt Kontingente für die Einfuhr von Pferden. Wenn diese aufgebraucht sind, dann wird es richtig teuer. Also doch lieber auf der sicheren Seite und sehr früh herholen. Wir hören, Pferde seien robust genug für den Temperaturunterschied, und sonst sollen wir halt eine Decke bereithalten.

Da sind wir bei der Ausrüstung. Was brauchen wir eigentlich alles, um Serenata zu pflegen, zu bewegen und natürlich zu reiten?

Traumpferd

Da steht sie im Roundpen, fast ein wenig verloren und weiss nicht recht, was wir mit ihr vorhaben. So sieht also unser Traumpferd aus 🙂 Unübersehbar hat sie sich grad gewälzt, der Boden ist aufgeweicht nach einigen Tagen Dauerregen. Einem Schimmel sieht man das offensichtlich besser an. „Dein Traumpferd hat keine Farbe“, sagte mir eine Reitlehrerin, will heissen: Such dein Pferd sicher nicht nach der Farbe aus!

Kennengelernt haben wir Serenata auf der Rancho Los Angeles in Südspanien. Dass wir sie erwerben dürfen, haben wir erst auf der Heimreise nach 10 Tagen Ferien erfahren. Was für ein wunderbarer Moment – und was für ein erhabenes Gefühl – unser neues Familienmitglied ist ein Pferd. Spät im Leben wird ein Traum wahr, aber manche Träume gehen ja gar nie in Erfüllung. Sie ist 91/2 Jahre alt und wir rechnen – wie lange werden wir sie wohl haben? Wie lange uns mit ihr beschäftigen, sie reiten können? Wichtige Überlegungen – Vom lauten Jyhaa-Schrei zum Hoppla, jetzt gilt’s ernst!

Der Name Serenata steht im Zuchtbuch, und ich studiere etwas länger als mein Mann, ob ich ihn so lassen soll. Ob sie darauf hört? Serenata ist Abendmusik, eigentlich schön, serena heisst heiter, froh, gelassen, noch schöner und mein Mann schlägt vor: serena nata, heiter geboren, noch viel schöner. Also, Serenata ist doch perfekt.

Wie alles begann

Über ein Feld fliegen – in vollem Galopp – jyhaa schreiend, ausgelassen wie ein Kind. Was für ein wunderbares Gefühl, kaum zu überbieten.

Mit diesem Pferd würde ich überall hin reiten können, ich, Anfängerin, viel zu alt für so etwas, wie viele sagen (oder glauben, aber nicht sagen). Diese Geschmeidigkeit, diese Sanftheit in der Bewegung ist unübertroffen, sagt man. Ja, die PRE-Pferde seien Pferde für Könige, habe ich gelesen. Und ich, ich bin jetzt angesteckt von der Begeisterung der Könige, mit wenig Reiterfahrung reite ich unbändig schnell und erstaunlich sicher.

Ob ich dieses Pferd erwerben kann? Was sagt mein Liebster dazu? Was brauche ich, um ein Pferd zu kaufen, zu halten? Kann ich das überhaupt? Was braucht so ein Tier?

Wir brauchen Experten, Menschen mit Erfahrung und Wissen.