Waldspaziergang

Gestern sind wir am Morgen beizeiten zu Serenata, um mit ihr zu üben. Bei dieser Hitze ist es zwischen 11 und 17 Uhr nicht möglich, mit ihr etwas zu machen, wir suchen ja selber nur noch den Schatten und die Kühle. Die Pferde sind tagsüber im Stall, wo es recht angenehm ist für sie und dürfen während der Nacht auf die Weide.

Wir haben, der Insekten wegen, Serenata über und über mit Spray behandelt und die Fliegenmaske mitgenommen, vorsorglich. Dann ist Georg mit ihr zügig losgegangen, ich mit Sämi hinterher. An der Ecke zur Strasse gegen den Wald schoss eine Kuh auf der Weide gegen den Zaun, leichter Aufruhr, viel Schnauben, mehrere Ausfallschritte, aber doch recht schnelle Beruhigung.

Im Wald wählten wir einen neuen Weg, wo es weniger Bremsen haben soll. Schön kühl, wunderbares Licht, einfach wunderbar. Was sind wir privilegiert, an einem gewöhnlichen Wochentag spazieren wir einfach durch den Wald mit einem Pferd 🙂 Ich schnuppere schon mal am Rentnerinnenleben!

Ich übernehme die Führung und zuerst läuft alles ganz gut. Etwas Schwierigkeiten habe ich damit, dass Serenata immer gegen mich lehnt und ich muss noch üben, mir sie etwas vom Leib zu halten. Wir gönnen ihr bei einer kleinen Lichtung eine Pause und sie darf Gras nehmen. Gut trifft sich, dass in dem Moment eine Frau mit Hund uns kreuzt und Serenatas Aufmerksamkeit durch das üppige Gras abgelenkt wird.

Danach geht es über einen Weg am Waldrand, dicht bewachsen mit wunderbarem Gras. Serenata ist lanciert, wie eine Wilde reisst sie an mir herum, nur noch Gras überall, wohin das Auge blickt, das ist zu viel für sie. Ihr wildes Fressverlangen drückt voll durch. Bevor sie mich umwirft, übergebe ich Georg. Allerdings FRUSTRIERT. Ich kann ja nicht jedes Mal seine Hilfe beanspruchen, wenn das Pferd nicht mehr zu bändigen ist!

Wir beschliessen deshalb, auf dem gleichen Stück Weg zurück zu kehren, und ich will Serenata übernehmen. Mit der Peitsche halte ich sie davon ab, nicht nur zu fressen, sondern überhaupt schon nur daran zu denken, und wir meistern den Weg. Ich bin jetzt einfach streng!! Es ist kurz nach 8, und ich bin schweissgebadet vor Anstrengung. Aber es ist gelungen. Nach einer kurzen Erholung, in der Georg sie wieder übernimmt, beenden wir den Spaziergang gemeinsam, Serenata und ich. Die Kuh von rechts hätte mir gerade noch gefehlt, aber sie bleibt, wo sie ist. Ich bin ihr dankbar 🙂

Aufhören, wenn gut ist – für beide. Und ich dachte, so ein bisschen Spazieren mit Pferd sei nun wirklich keine Hexerei!

es wird konkreter…

Gestern habe ich zum ersten Mal allein Serenata zu ihrer Box herausgeführt. Die Box befindet sich in der vordersten Ecke des Laufstalles, den sie mit 5 oder 6 Pferden teilt. Zu ihrem Schutz darf sie zur Zeit noch den Luxus der Box geniessen. Luxus? Ja, denn das viele Futter, das sie täglich bekommt, ist ganz allein für sie. Kein anderes Pferd kann ihr haylage und Heu futtern…

Vor dem Laufstall ist der Auslauf abgezäunt. Nach unten geht’s zur Weide, noch oben zu der Anbindestelle fürs Putzen und Satteln. Vorsichtig führe ich Serenata zum Elektrozaun, öffne ihn und führe sie heraus. Serenata reagiert sofort: der geschützte Bereich hört nach dem Zaun auf. Jetzt sieht sie ihre Herde nicht mehr. Nur ich bin noch da, und ob ich ihr die nötige Sicherheit geben kann? Geduldig rede ich ihr zu und fordere sie auf, mir zu folgen. Ein Schritt und halt. Das Spiel beginnt von neuem. 2 Schritte, Lob, aber wieder Halt. Nach allen Seiten schaut sie sich um, nimmt die unvertraute Umgebung wahr, zeigt ihre Unsicherheit. Langsam bewegen wir uns die Einfahrt hinauf bis zur Strasse.

Hier waren wir beide schon einmal: um der Tierärztin zu zeigen, wie sich Serenata bewegt, im Schritt und Trab. Hin und zurück. Ob sie sich erinnert? Vielleicht. Aber es bleibt ein Betteln um jeden Schritt. Ein Abtasten, ein unsicheres Schauen, dann doch wieder der Entscheid, einen, zwei Schritte zu folgen. Daniela hat uns beobachtet und kommt dazu. Sie möchte sehen, ob Serenata bei kundiger Anleitung mehr Vertrauen aufbringen kann. Sie lädt Serenata mit ihrer Körpersprache ein, zu folgen. Richtet den Blick nach vorn und den Führstrick nach rechts. Serenata reagiert und macht einen Schritt. Aber auch jetzt überwiegt die Unsicherheit und sie bleibt stehen. Langsam, langsam baut Daniela Vertrauen auf. Lobt überschwänglich den Fortschritt. Ich versuche mein Glück nochmals, diesmal mit der guten Anleitung. Und siehe da, tatsächlich können wir recht gut zusammen spazieren. Bis zum nächsten Schreckpunkt, 2 parkierten Autos. Wir betrachten diese, bis sie ihren Schrecken verloren haben, drehen dann um und es geht Richtung Stall. Jaja, diese Richtung passt schon besser. Ohne grosse Motivation klappt das Führen.

Es wird eine Weile dauern, bis wir all die neuen Sachen, die neue Umgebung, Autos, Menschen, Häuser, Hunde und und und kennengelernt haben werden. Aber die Aufgabe ist schön, wir werden zusammenwachsen und Serenata wird immer mehr Vertrauen zu ihren neuen „Leitpferden“ aufbauen.

Heute haben wir mit Daniela besprochen, wie sie sich die Entwicklung von Serenata vorstellt. Es wartet viel Arbeit auf uns, es wartet viel Arbeit auf Serenata. Daniela wird uns regelmässig unterstützen und den Aufbau der Muskulatur und  das Lehren von erwünschtem bzw. das Abgewöhnen von unerwünschtem Verhalten übernehmen. Wir sind eingeladen, teilzunehmen und einmal in der Woche selber das Erlernte mit unserem Pferd einzuüben.

Wir werden einige Monate daran arbeiten müssen aber auch dürfen.  Ich freue mich darauf, denn das wird uns mit unserem Pferd zusammenschweissen. Parallel dazu habe ich die Möglichkeit, mit andern Pferden meine Reitkenntnisse zu erweitern, so dass ich für Serenata, wenn sie bereit zum Reiten ist, auch besser reiten kann !