Fortschritt

Farah und ich sind daran, uns aneinander zu gewöhnen. Und Farah gewöhnt sich langsam an Formen, die unsere Zusammenarbeit erleichtern 🙂 Dazu gehört, dass sie bei der Pflege stillsteht, brav die Hufe gibt, nicht immer bettelt. Ich gebe mir Mühe, sorgfältig mit ihr zu sein, nicht an den Beinen zu reissen, nicht am Behang zu rupfen, den Sattel fein aufzulegen, die Gurten mit Gefühl anzuziehen.

Wenn ich aufsteige, soll Farah ganz still stehen. Und das üben wir jetzt immer und immer wieder. Es braucht meine Geduld! Aber wird sich lohnen, vor allem wenn wir dann wieder im Gelände unterwegs sein werden.

Mit dem Traben geht es nun schon recht gut, Farah merkt, dass sie im Trab bleiben soll, und ich kann mittlerweile sogar ihr Tempo regulieren. Das macht doch grosse Freude. Noch hält sie allerdings den Kopf weit oben, und wenn ich antrabe, versuche ich, es ganz fein zu machen. Wenn es gut ist, bleibt ihr Kopf zwar etwas hoch, geht aber nicht noch höher. Schön ist, wenn ich merke, wie sie anfängt zu schwingen.

Wenn Farah vom langen Traben müde wird, fängt sie an, mit dem Kopf zu schlagen. Das sei etwas die Eigenheit der Araber, meint die Reitlehrerin. Ich versuche, es zu ignorieren und einfach etwas zu treiben. Es gibt für uns zwei noch Vieles zu lernen!

Herbstweide

Jeden Herbst stehen den Pferden im Stall Arîj el Fouad die grossen Weiden zur Verfügung, nachdem das Emd gewonnen wurde. Die Weiden sind für die Pferde jeweils eine wunderbare Abwechslung, denn sie kommen nachts nicht auf den Hof zurück, sondern bleiben auf den Weiden und nutzen die dortigen Unterstände bei Bedarf. Farah war letztes Jahr auch schon dort, aber da war sie noch nicht mein Pferd.

Vom Hof zur Weide ist vielleicht 1 km Weg auf der Strasse zurück zu legen, wobei diese Strasse nicht besonders stark befahren ist. Trotzdem löst der Umzug etwas Aufregung aus, weil nichts passieren soll und nicht alle Tiere gleich geübt sind, vom Hof weggeführt zu werden. Insbesondere die Fohlen können sich recht störrisch anstellen, wenn der Wegrand für sie zum Fürchten aussieht – vielleicht ein Randstein, ein Bord mit anderem Bewuchs oder irgendetwas, was sich uns nicht erschliesst, kann ihnen Angst machen.

Wir führten zuerst die neuen Pferde aus Marokko auf ihren Teil der Weide, danach die Stutenherde mit den Fohlen und mit Farah auf ihren Teil. Zuerst grasten alle ganz gemächlich (Bild). Dann begann Farah zu galoppieren, die ganzen Stuten und Fohlen hinterher zu einer wilden Jagd übers ganze Gelände bis zum Zaun der Marokkanerinnen, die schon alle zum Gucken aufgereiht dort standen. Dann konnte die Jungstute Kounouz, deren Fohlen soeben abgesetzt worden war, nicht mehr an sich halten und wollte zu den Fohlen auf der anderen Weide. Sie durchbrach den Zaun zwischen den Weiden und die ganze Herde war auf einmal versammelt! Spontanintegration! (https://youtu.be/RlVivo7y-Io)

Wir standen noch eine Weile auf der Weide um zu beobachten, ob das auch gutgehe. Da das Gelände genügend Platz bietet, sah es danach aus, als würden die neuen Begegnungen friedlich ablaufen. Einzig zwei Stuten machten Kounouz klar, wer über die Fohlen zu wachen habe.

Wenn wir arbeiten oder reiten wollen, nehmen wir es nun für diese Zeit auf uns, diesen 1 km weit zu wandern, um unser Tier von der Herbstweide zu holen. Dafür rechne ich für hin und zurück 1/2 Stunde. Als ich am Sonntag Farah holte, um mit meinem Mann und Serenata Reitunterricht zu geniessen, rechnete ich genügend Zeit ein, weil ich mich darauf vorbereitete, dass Farah nicht so ohne weiteres mit mir kommen würde und ich weit über die Weide gehen müsse. Vorsichtshalber packte ich einen Apfel und ein paar Leckerli ein, damit ich sie anlocken und dann genügend Zeit hätte, sie aufzuhalftern.

Die Befürchtungen waren ganz unbegründet. Alle Pferde liefen auf mich zu, als ich die Weide betrat. Farah genoss natürlich ihren Apfel trotzdem 🙂 – und dann folgte sie mir ganz brav und ohne zu zögern. Die anderen Stuten und die Fohlen allerdings auch! Da sich der Weidezaun direkt gegen die Strasse öffnet, dachte ich schon, ich müsste die anderen Pferde dann energisch davon abhalten, mit zu kommen. Aber die liessen uns dann auch ohne weiteres ziehen und so kam ich problemlos zum Stall.

Der Hengst Rifaï, dessen Gehege der Strasse entlang führt, war nach dem Reitunterricht dann allerdings verantwortlich dafür, dass Farah sich weigerte, mit mir zurück zur Herbstweide zu kommen. Bockstill stand sie mitten auf der Strasse und liess sich von Rifaï umwerben. Es brauchte meinen Mann, um mir zu helfen, von da weg zu kommen.

Wasserspiele

Farah ist so ein spassiges cooles Pferd. Nach meiner Übungseinheit haben wir geschaut, ob sie sich duschen lässt. Die Reitbeteiligung Muriel hat sie gehalten und ich habe ihr den Schlauch erst zeigen wollen. Und was macht sie? Sie nimmt das Ende in den Mund und fängt an zu saugen und mit dem Wasser zu spielen (das Bild ist von einem Video) 🙂

Reiten :)

Nach mehr als einem halben Jahr sitze ich wieder auf Farah. Sie hat in der Zwischenzeit mit den Reitbeteiligungen – zuerst Jana, nach deren Unfall Muriel – sehr gut gearbeitet. Ich kann ganz fein steuern, und es fühlt sich wunderbar an.

Ich bin angesprochen worden darauf, ob es denn für mich kein Problem darstelle, wieder auf das Pferd aufzusteigen, das mir davonrennen wollte, und von dem ich noch kurz vor dem Abhauen „fliegend“ abgestiegen bin. Ein Sturz ist natürlich kein schönes Erlebnis, und die Bilder davon sind in meinem Kopf, ich kann sie nicht beiseiteschieben. Jedoch habe ich auch die Erfahrung machen dürfen, dass nicht jeder Sturz gleich einer Katastrophe gleichkommt, und das hat mir auch Angst genommen.

Es war nicht der Fehler von Farah, sondern meiner. Ich konnte ihr nicht die nötige Sicherheit geben. Und sie hat in der Zwischenzeit gelernt, gemütlich zu traben und – noch wichtiger – wenn sie Unsicherheit spürt, nicht wegzurennen, sondern zu verlangsamen, bzw anzuhalten. Das wiederum ist gut für mich, denn ich bin ja zunächst auf dem Pferd nicht völlig entspannt gewesen 🙂

Wir beginnen nun wieder, uns gegenseitig zu finden. Ich habe als erstes unter dem Kommando meiner Reitlehrerin viele kleine Volten geritten und Schlangenlinien im Schritt. Natürlich machte mich das schon wieder etwas übermütig, und ich versuchte auch den Trab. Eigentlich kenne ich Farah und ihren Schritt noch gar nicht so gut, weil wir wenige Übungseinheiten miteinander gearbeitet haben. Nun geht es jedenfalls vorwärts. Ganz energiegeladen habe ich sie versorgt und mich für den Rest des Tages grossartig gefühlt!

Wiederbeginn

Letzten Freitag fasste ich Mut und schlüpfte wieder in meine Pferdeschuhe. Es gibt mir mehr Sicherheit, nahe am Pferd zu sein mit den geschlossenen, etwas festen Lederschuhen als mit den Teva-Sandalen, in denen meine nackten Füsse stecken. Das Anziehen der Schuhe bereitete mir etwas Mühe, weil ich die Zehen zuerst strecken, dann in die Biegung bringen muss. Aber es ging ganz gut, und im Schuh drin fühlte ich mich dann richtig gut und sicher.

So durfte ich wieder einmal, nach mehreren Monaten, Farah aus dem Stall an die Anbinde führen, sie putzen und mit ihr auf den Trainingsplatz zum Üben. Wir fingen mit einfachen Führübungen an, und es zeigte sich, dass Farah sich angewöhnt hat, mich zwar wahrzunehmen als jemand, der kommt, schmust, streichelt, den Bauch kratzt und lieb spricht – aber nicht mehr als Chefin, die anzeigt, was sie erwartet. So trottete sie zögerlich und etwas verwundert neben mir her und hatte es nicht allzu eilig, mir zu folgen. Farah hätte gern am Boden rumgeschnuppert, am Rand des Trainingsplatzes am Grünzeug geknabbert, sich dann kraulen lassen, die Gegend betrachtet und eventuell sich gern gewälzt. Daniela machte mich darauf aufmerksam, dass ich jetzt meine Energie wieder hochfahren und meine Stellung Farah gegenüber klar und deutlich dokumentieren soll.

Wir arbeiteten eine Weile frei, Farah ging brav und die Pylonen herum, nicht ganz so eng, wie ich es gewünscht hätte, aber für den Anfang ganz ok. Danach arbeiteten wir mit der Longe, und Farah musste realisieren, dass ich noch Trab – zuerst aussen um die Pylonen herum, danach innen herum – verlangte, obwohl für sie die Lektion bereits hätte zu Ende sein dürfen 🙂

Sie machte aber brav mit und trabte munter um die Pylonen herum, wie ich es von ihr wollte. Das Mash danach genoss sie dann sehr 🙂

Neue Herde

Die Stuten von Daniela sind auf der Alp – ausgenommen diejenigen mit den Fohlen, die zwischen Mai und Juni zur Welt gekommen sind. Nachdem Flifla verkauft worden ist und den Hof verlassen hat, hat sich Farah mit Farajia angefreundet, ich nenne sie das Postergirl mit ihrem langen, üppigen Behang. Da Farajia dieses Jahr zum ersten Mal ein Fohlen bekommen hat, ist sie jetzt mit D’Enora und Hasnana in Matzenried geblieben und Farah tummelt sich nun inmitten des Kindergartens auf der grossen Weide. Es sieht so aus, als sei sie problemlos mit anderen Pferden zu vergesellschaften. Sie hat jedenfalls keine Bissspuren 🙂 Ich sehe ein Bild voll Freude und Frieden.

Ich finde es rührend, dass sie auf mein Rufen zu mir kommt und mich begrüsst. Ich wage mich inzwischen wieder näher an sie heran. Heute habe ich ihr den Bauch gekrault, das hat sie enorm genossen. Zum Glück durften die Pferde am Mittag in den Stall, der Fliegen- und Bremsenschwarm war schon schwer zu ertragen.

Sommer

Farah hat sich mittlerweile in der grossen Stutenherde integrieren können. Sie stellt kein Problem dar, und als ich sie das letzte Mal besuchte, waren auch keine „Kampfspuren“ an ihr zu entdecken 🙂

Seit der Sattel angepasst ist, macht Farah mit Muriel weitere grosse Fortschritte. Zwar bin ich etwas traurig, dass die Übungen nicht mit mir stattfinden, aber auf der anderen Seite eigentlich auch froh, dass ich mich nicht in heikle Situationen begebe, jetzt, wo ich einiges schon hinter mir habe. Mein Fuss ist am heilen, allerdings wird es noch einige Zeit dauern, bis ich wieder mit Farah arbeiten kann. Wenigstens ein bisschen Streicheln liegt drin, und sie mit Leckerli etwas verwöhnen.

Geschehnisse Mai

Während ich auf dem Sofa meine Hallux-Operation auskuriere und mich so gut wie möglich mit Geduld wappne, wird Farah inzwischen von Muriel trainiert und geritten. Inzwischen ist wieder einiges geschehen, was mich etwas beunruhigt, nachdem Jana von Farah gestürzt ist, passierte dies leider auch Muriel. Bei allen uns dreien sind unterschiedliche Gründe dafür auszumachen: Bei mir war es klar mein Fehler, ich konnte Farah nicht mehr davon abhalten, im Volltempo zum Stall zu rasen. Jana war mit einer Praktikantin mit einem Pferd unterwegs, das zwar die Freundin von Farah ist, aber im Gelände unsicher. So animierte das andere Pferd Farah zu immer höherem Tempo und die beiden jungen Frauen konnten die Sache nicht mehr kontrollieren. Muriel hingegen, eine sehr gute Reiterin, berichtete mir, dass Farah aus dem Nichts heraus abdüste, als sie mit einer Kollegin und deren Freiberger unterwegs war. Die Reiterin mit dem Freiberger blieb stehen, Farah liess sich nicht mehr bremsen und raste an Fussgängern mit Hund vorbei, der dann auch noch die Verfolgung aufnahm und sie fing noch an zu bocken.

Als die Sattlerin kam, um Farahs Sattel zu kontrollieren, sah sie, warum Farah unkontrollierbar geworden war. Der Sattel war inzwischen vorne zu eng und drückte entsprechend hinten gegen Farahs Kreuz. Sehr unangenehm für sie. Nachdem nun dieses Problem behoben ist, gibt sich Farah wieder ganz der Reiterin hin.

Farahs Freundin Flifla ist nun verkauft, und Farah darf das Weidezelt allein geniessen. Sie hat sich von dort aus bereits mit den Stuten der Herde der Stallbesitzerin vertraut machen können, und Daniela fängt nun an, sie in diese Herde zu integrieren. Das Bild, das ich gestern aufgenommen habe, zeigt Farah mit der hellen Ecume, der dunkelgrauen ‚Abal, der fuchsfarbigen Yakout sowie der braunen Basha’ir. Ein Bild des einträchtigen Zusammenseins auf der wunderbar sattgrünen Weide. Einzig Ecume trieb Farah ganz kurz vor sich her, einmal um die halbe Weide herum. Aber Farah scheint keine schwierig zu integrierende Stute zu sein. Das beruhigt mich 🙂

Antischreckprogramm

Für unser heutiges Training und das Training ihrer eigenen Pferde hat sich die Stallbesitzerin Daniela etwas ganz Besonderes ausgedacht. Sie und ihre Helferinnen haben einen Parcours aufgebaut, der es in sich hat: einen bunten Bogen zum Hindurchgehen, eine zerknüllte Plastikplane zum Darüberlaufen, eine Wippe, ein mit Holzteilen eingefasster Teil voller leerer und zusammengepresster Petflaschen, ein Holzträger mit rot-weissen Flatterbändern, wie sie zum Absperren benutzt werden, ein Durchgang aus vielen Schaumstoffteilen auf zwei Seiten sowie eine Treppe aus Paletten zum Hoch- und Heruntersteigen.

Das Ganze wurde durch die zügige Bise noch ein gutes Stück schwieriger, denn die Schaumstoff-Teile oder die Flatterbänder standen von den Holzträgern horizontal ab und sahen wirklich zum Fürchten aus. Entsprechend war denn auch die Reaktion der meisten Pferde zuerst mal von Fluchtversuchen gesteuert. Bis auf eines: Meine Farah. Kaum zu glauben, wie sie das alles unbeeindruckt liess. Daniela konnte es selbst kaum glauben!

Beim Bogen aus buntem Schaumstoff hielt sie kurz, schaute nach oben, dann ging sie durch. Auf der Wippe prüfte sie kurz, ob das halte und ob man den grünen Belag vielleicht essen könnte, dann ging sie darüber, ja, es machte ihr nicht einmal etwas aus, dass die Wippe zuerst in die Richtung nach vorne kippte, dann wieder kurz nach hinten und wieder nach vorn. Beim Durchgang durch die Schaumstoffteile zögerte sie keinen Moment, auch als Daniela die Seiten näher zu einander rückte, und in die rot-weissen Bänder lief sie ohne zu zögern. Beim Teil mit den Pet-Flaschen musste ich sie daran hindern, an den Flaschen zu kauen und überhaupt versuchte sie mich dahinzuziehen um sich ein wenig mit den bunten Pet-Flaschen zu vergnügen.

Einzig die Treppe aus Paletten war etwas schwieriger zu überwinden. Meine Aufgabe war, sie auf jedem Teil still stehen zu lassen, ohne dass sie seitlich ausweichen würde. Dazu brauchten wir mehrere Versuche, weil Farah nicht einsah, warum sie nicht einfach seitlich nebenher laufen könne statt oben drüber zu stolpern.

Und was ihr auch noch etwas Angst einjagte, war der Medizinball, der hinter ihr geprellt wurde. Da war es zuerst schwierig, sie stillzuhalten. Aber sie hielt es dann doch aus, dass der Ball über sie gerollt und fallen gelassen wurde, über sie drüber geworfen wurde und unter ihr durchrollte. Nur Fussball Spielen half sie nicht, als ich ihr den Ball vor die Füsse schob.